Zysten sind Hohlräume im Gewebe, die von einer Hülle aus Epithelzellen umgeben sind. Was das bedeutet? Da müssen wir ein bisschen ausholen… In unserem Körper gibt es vier verschiedene Zelltypen, die die vier grundsätzlich verschiedenen Gewebetypen bilden: Bindegewebszellen, Muskelzellen, Nervenzellen und Epithelzellen. Epithelzellen sind darauf spezialisiert, innere und äußere Körperoberflächen zu formen – also Haut, Schleimhaut, Magen- und Darmschleimhaut, die innere Auskleidung von Blutgefäßen, Harnwegen und Atemwegen – um die wichtigsten zu nennen.

Wichtig: Auch die Zellen der embryonalen Zahnleiste, aus denen sich unsere Zähne entwickeln, sind vom Epitheltyp. Epithelzellen haben in der Regel einen besonders festen Zusammenhalt: Schließlich sollen sie die unter dem Epithel liegenden Gewebe effektiv von der Außenwelt abschirmen. Bestimmte Epithelzelltypen sind außerdem auf den Stofftransport und die Bildung von Schweiß, Schleim, Enzymen und anderen Drüsensekreten spezialisiert. Da sich Haut und Schleimhäute ständig regenerieren, sind Epithelzellen auch tendenziell besonders teilungsaktiv. Diese Eigenschaften von Epithelzellen sind es, die leider auch ihre Entartung zu Zysten begünstigen. Epithelzellen haben nun normalerweise in den anderen Geweben nichts verloren.

Überall dort, wo sich versprengte Epithelzellen inmitten anderer Gewebe befinden, beispielsweise im Bindegewebe, können sie durch irgendeinen Reiz dazu angeregt werden, sich zu vermehren und gemeinsam einen Hohlraum im Gewebe bilden: eine kleine “Körperoberfläche“, wo eigentlich keine hingehört. Durch sekretorische Aktivität der Epithelzellen kann sich der Hohlraum mit Schleim oder Talg füllen. Ist die Flüssigkeit im Inneren des Hohlraums konzentrierter als die im umliegenden Gewebe, dringt Wasser ein, erhöht den Druck im Hohlraum und lässt ihn langsam, aber sicher wie einen kleinen Ballon anschwellen.

Und dieser Hohlraum mit seinem ihn umgebenden Epithel, dem sogenannten Zystenbalg, ist also eine echte Zyste. Es gibt auch Hohlräume im Gewebe mit bindegeweblicher Auskleidung. Diese als harmloser geltenden sogenannten Pseudozysten lassen sich allerdings nur durch die mikroskopische Untersuchung einer Gewebeprobe von echten Zysten unterscheiden – und sie werden meist der Einfachheit halber genauso behandelt wie echte Zysten.

Wie kommt die Zyste in den Kiefer?

Zysten im Kiefer bilden sich in den allermeisten Fällen aus Resten des dentin- und zahnschmelzbildenden Epithels der embryonalen Zahnleiste, das Bildung und Wachstum aller Zähne organisiert. Zusammen mit dem bindegewebigen Zahnsäckchen umgibt dieses Epithel die Anlagen noch nicht durchgebrochener Zähne, und Reste davon befinden sich auch in der Wurzelhaut jedes Zahnes. Zysten, die aus diesem zahnbildenden Epithel entstehen, werden odontogene Zysten genannt.

Es gibt auch nicht-odontogene Zysten im Mundraum – aber die präsentieren sich in der Zahnarztpraxis so extrem selten, dass wir hier nicht darüber sprechen müssen. Es gibt eine gewisse erbliche Veranlagung für die Ausbildung bestimmter Typen odontogener Zysten. Oft geht der Wachstumsreiz für die Epithelzellen aber auch von zellulären Botenstoffen aus, die im Rahmen eines durch Bakterien ausgelösten Entzündungsgeschehens rund um den Zahn freigesetzt werden.

Radikuläre Zyste

Die häufigste Kieferzyste ist die radikuläre Zyste. Sie “hängt” an der Zahnwurzel, seltener auch an einem seitlichen Wurzelkanalausgang eines devitalen Zahnes und wächst von dort aus in den Kieferknochen hinein. Ihre Ursache liegt in einer bakteriellen Infektion und Entzündung des Zahninneren, die durch die Wurzelkanäle bereits den Bereich rund um die Kanalausgänge erreicht hat.

Follikuläre Zyste

Follikuläre Zysten sind die zweithäufigsten Kieferzysten. Sie entstehen aus dem Zahnsäckchen und dem Schmelzepithel eines noch nicht durchgebrochenen Zahnes, häufig eines Weisheitszahnes. Als Ursache kommt eine Entwicklungsstörung ebenso in Frage wie ein Entzündungsgeschehen. Am häufigsten bilden sich follikuläre Zysten oberhalb der Krone retinierter (=durch Platzmangel oder Verlagerung am Durchbrechen gehinderter) Zähne.

Parodontale Zyste

Auch parodontale Zysten entstehen aus den Resten des schmelzbildenen Epithels rund um die Zahnwurzel. Auslöser der Zystenbildung ist aber hier ein Entzündungsgeschehen in einer tiefen Zahnfleischtasche. Parodontale Zysten sitzen infolgedessen seitlich an vitalen Zähnen.

Keratozyste

Die seltenen Keratozysten entstehen durch eine Entartung des Schmelzorgans im Anfangsstadium der Zahnentwicklung. Hier bricht die Zahnentwicklung bereits früh ab, Keratozysten stehen daher mit keinem Zahn in Verbindung. Keratozysten werden zu den gutartigen Tumoren gezählt. Sie bilden keine Metastasen, wachsen aber nach Entfernung auch aus kleinsten Epithelresten wieder nach.

Diagnose einer Zyste

Zysten bereiten, solange sie nicht zu raumfordernd und nicht durch eine sekundäre Infektion entzündet sind, keine Schmerzen. Kleine Zysten werden daher meist nur zufällig auf einer Röntgenaufnahme entdeckt: Sie stellen sich als scharf begrenzte Aufhellungen im dunkel erscheinenden Kieferknochen dar. Bei radikulären Zysten ragt eine Zahnwurzel, bei follikulären Zysten meist die Krone eines retinierten Zahnes in den Zystenhohlraum hinein. Raumfordernde Zysten verdrängen die Wurzeln der benachbarten Zähne. Auch das ist im Röntgenbild gut zu erkennen.

Größere Zysten machen sich durch eine Schwellung im Bereich des Kieferknochens bemerkbar, die je nach Lage der Zyste im Mund oder äußerlich auftritt und mit einem gewissen Druckgefühl einhergehen kann. Bei zunehmender Auflösung des Knochens liegt nur noch eine dünne Knochenlamelle über der Zyste, die sich beim Betasten verbiegt und dabei das sogenannte Pergamentknistern hören lässt. Ist die Zyste gar nicht mehr von Knochen bedeckt, lässt sie sich als pralle, elastische Schwellung erfühlen.

Behandlung von Zysten

Echte Zysten verschwinden so gut wie nie von selbst und können auch nicht durch Medikamente zum Verschwinden gebracht werden. Sie werden ausschließlich mit chirurgischen Methoden behandelt. Minimalziel ist dabei, das Wachstum der Zyste zu stoppen und dem Kieferknochen die Regeneration zu ermöglichen. Die wichtigsten kieferchirurgischen Methoden sind hier die Zystektomie (Zystenentfernung) und die Zystostomie (Zysteneröffnung). Entstand die Zyste infolge einer Entzündung von Zahn oder Zahnfleisch, wird auch der Entzündungsherd behandelt: Bakteriell infizierte Wurzelkanäle beziehungsweise Zahnfleischtaschen müssen gründlich saniert werden.

Zystektomie

Kleinere Zysten werden mittels Zystektomie vollständig entfernt. Dafür wird ein Zahnfleischlappen präpariert, ein Fenster in den Knochen gefräst und die Zyste sorgfältig aus dem Knochen ausgeschabt. Dabei ist es wichtig, dass möglichst keine Reste des Zystenepithels am Zahn verbleiben, da sich daraus erneut eine Zyste bilden könnte. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Entfernung einer radikulären Zyste stets eine Wurzelspitzenresektion durchgeführt. Auch ein mit einer follikulären Zyste assoziierter

retinierter Weisheitszahn wird mit entfernt. Sitzt die follikuläre Zyste dagegen an einem retinierten Eckzahn oder anderen “regulären” Zahn, wird nach Entfernung der Zyste meist zunächst versucht, die Eingliederung des Zahns in die Zahnreihe mit kieferorthopädischen Mitteln zu fördern. Der Zahnfleischlappen wird am Ende wieder sorgfältig vernäht. Aus dem geronnenen Blutpropf (Blutkoagel) im zurückbleibenden Hohlraum regeneriert sich zunächst Bindegewebe und später Knochensubstanz. Bei grenzwertig großen Hohlräumen kann zusätzlich Eigenblut, ein resorbierbarer Füllstoff wie Gelatine oder Knochenersatzmaterial eingebracht werden.

Zystostomie

Sind aufgrund der Größe oder Lage der Zyste Probleme bei der Geweberegeneration im verbleibenden Hohlraum zu erwarten, liegt ein Nerv in unmittelbarer Nähe einer kleineren Zyste oder ist eine Schädigung benachbarter Zähne bei Entfernung der Zyste zu befürchten, wird anstelle einer Zystektomie für die Eröffnung der Zyste optiert. Dabei wird die Zyste zur nächstgelegenen “echten” Körperhöhle hin großflächig geöffnet – das können Mundhöhle, Kieferhöhle oder Nasenhöhle sein. Eine so eröffnete und bei Bedarf bis zur Verheilung durch eine Tamponade offen gehaltene Zyste kann nicht mehr weiter wachsen und übt keinen Druck auf den Knochen aus. Das gibt dem Kieferknochen Gelegenheit, sich zu

regenerieren, wodurch sich der zurückgebliebene Hohlraum langsam verkleinert. Durch den Kontakt mit der Mund- oder Nasenschleimhaut wandelt sich das Zystenepithel nach einigen Wochen in Schleimhautepithel um – aus der Zyste ist eine harmlose Ausbuchtung von Mund-, Nasen- oder Kieferhöhle geworden.

Was ist nach einer Zysten-OP zu beachten?

Die erfolgreiche Geweberegeneration steht und fällt mit der Integrität des Blutkoagels im zurückgebliebenen Hohlraum. Um die Wunde nicht zu stören und die Blutgerinnung nicht zu behindern, dürfen Sie in den Tagen nach der Operation nur weiche Nahrung zu sich nehmen, nicht mit einem Strohhalm trinken, nicht heftig ausspülen oder ausspucken, auf Kaffee, Nikotin und Alkohol verzichten (diese Genussmittel verzögern den Heilungsprozess) und körperliche Anstrengungen meiden. Etwa nach einer Woche können Sie das Gewebe wieder behutsam belasten. Nach einer Zystostomie kann es sein, dass Sie den verbliebenen offenen Hohlraum auch nach abgeschlossener Heilung noch für einige Zeit nach jeder Mahlzeit extra ausspülen müssen. Das hat den Zweck, Entzündungen durch sich darin zersetzende Nahrungsreste zu vermeiden. Mit zunehmender Regeneration des Knochens verkleinert sich der Hohlraum, und Sie können in absehbarer Zeit wieder auf diese Maßnahme verzichten.

Zysten vorbeugen

Sie haben es in der Hand, allen entzündungsbedingten Zysten wirksam vorzubeugen: Indem Sie Zähne mit ausgeprägten Zahnmarkentzündungen schnellstmöglich durch eine sachgerechte endodontische Behandlung versorgen lassen. Und indem Sie bei Parodontitits das häusliche Mundhygiene-”Protokoll” ebenso wie die notwendigen engmaschigen Kontrollen und Reinigungstermine beim Zahnarzt punktgenau einhalten.

Generell sind die einfachen Maßnahmen, die Zähne und Zahnfleisch gesund halten, auch eine effektive Vorbeugung gegen Zysten: Mit sorgfältiger Mundhygiene und regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt haben Sie gute Chancen, niemals eins dieser unerfreulichen Gebilde zu entwickeln.